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NEW MOBILITY WORLD @IAA 2019Frankfurt/Main, 10. – 15. September, 2019
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Warum der kostenlose ÖPNV die Probleme der urbanen Mobilität nicht löst

By Editorial Team on April 4, 2018

Anfang Februar preschte die deutsche Bundesregierung nach vorn: Der kostenlose öffentliche Personennahverkehr soll her. So wollte Berlin versuchen, die drohende Klage seitens der EU gegen Deutschland (aufgrund der schlechten Luftqualität in vielen Städten) zu umgehen. Fünf Städte (Bonn, Essen, Mannheim, Reutlingen und Herringen) wurden als Testareale auserkoren.

Doch dann begannen die Probleme: Keine der Städte wollte teilnehmen und es gab Streitigkeiten um die Finanzierung. Kaum ausgesprochen, war die Idee wieder vom Tisch. Der Traum vom kostenlosen ÖPNV – ausgeträumt. Zumindest vorerst.

Kostenloser ÖPNV: Mehr Schein als Sein?

Doch warum? Die Vorteile des Konzepts lesen sich doch zahlreich? Pendler lassen ihre Autos stehen, ein geringeres Verkehrsaufkommen, weniger Staus, bessere Luft. Von den sozialen Vorteilen ganz zu Schweigen. Warum also lehnten die Städte die Pläne der Bundesregierung so vehement ab? Die Antwort: Während der kostenlose ÖPNV auf dem Papier wie ein vielversprechendes Konzept scheint, bringt er in der Realität zahlreiche Probleme mit sich.

Da wären zum einen die Finanzierungsfrage. Die Städte nehmen mit dem Verkauf von Fahrkarten große Summen Geld ein. Alleine der Hamburger Verkehrsverbund erzielt jährlich rund 830 Millionen Euro mit dem Verkauf von Fahrscheinen. Abgesehen davon müssten aufgrund des zu erwartenden höheren Fahrgastaufkommens neue Fahrzeuge angeschafft werden. Und darüber hinaus müssen auch weiterhin die Fahrzeuge sowie Strecken gewartet, Mitarbeiter bezahlt oder Investitionen getätigt werden. Ohne die Einnahmen aus dem Ticketverkauf würde demnach ein riesiges Loch in die Budgets vieler Städte gerissen werden, oder das Geld müsste auf anderem Wege, etwa durch Steuern, wieder eingenommen werden.

Ein zweites Problem ist gerade in Deutschland ein Strukturelles: Viele Städte sind in Verkehrsverbünden organisiert. Einzelne Städte können nicht einfach die Preise für den Nahverkehr streichen, während die Verbundpartner die Preise aufrecht erhalten. Essen etwa, eine der geplanten Modellstädte für den kostenfreien ÖPNV, ist in einem Verbund mit der Mühlheim an der Ruhr organisiert. Einfach in einem der Städte die Preise streichen ist nicht realistisch.

Das dritte Problem sind die Pendler selbst. Gerade sie sollten durch einen kostenlosen Nahverkehr zum Verzicht aufs Auto bewegt werden. Doch viele von ihnen kommen von Außerhalb in die Städte; ein kostenfreier Nahverkehr innerhalb der Städte ist für sie nicht attraktiv.

Nicht nur der Preis ist entscheidend

Gegenüber der FAZ bestätigte eine Sprecherin des Verkehrsclub Deutschland, dass für die Attraktivität des ÖPNV, gerade für Pendler, nicht der Preis, sondern vielmehr das Angebot entscheidend sei.

Für die Menschen außerhalb der Städte ist es viel wichtiger, dass sie schnell und regelmäßig in die Stadt kommen, als dass der Verkehr umsonst ist. Wo ist der Vorteil des Pendlers, wenn der Zug oder Bus nur einmal die Stunde fährt? Er kommt jetzt eventuell umsonst oder vergünstigt in die Stadt, ist aber weitaus weniger flexibel, als mit dem PKW. Der Preis ist also nur ein Faktor um Menschen vom Auto abzubringen, nicht aber das Allheilmittel.

Investitionen in den Nahverkehr sind demnach zwingend notwendig. Auch fallen sie in jedem Fall an, sei dies durch ein höheres Fahrgastaufkommen innerhalb der Stadt aufgrund des kostenlosen ÖPNV oder um die Liniendichte und Taktung außerhalb der Städte zu verbessern.

Andere Städte machen es vor

Einige Städte haben dahingehend die ersten Versuche gewagt. Um dennoch Einnahmen aus Fahrscheinverkäufen für Investitionen zu generieren und gleichzeitig das Verkehrsangebot so attraktiv wie möglich zu gestalten, haben sie Entgelte für Tickets beibehalten. Jedoch zu drastisch geringeren Preisen.

Das prominenteste Beispiel ist Wien. In der Hauptstadt Österreichs kostet die Jahreskarte nur 365 Euro. Im gesamten Stadtgebiet ist man mit dieser Karte für einen Euro täglich unterwegs.

Im brandenburgischen Templin etwa, fuhren von 1997-2002 kostenlose Busse. Die Fahrgastzahl verfünfzehnfachte sich. Mittlerweile kostet die Jahreskarte 44€ – bei einem konstanten Fahrgastaufkommen.

Die Mischung macht’s

Lange Zeit wurde die Problematik urbane Mobilität von der Politik vernachlässigt. Die Zahl der Probleme wuchs, konkrete Lösungsvorschläge fehlten. Das Konzept kostenfreier ÖPNV ist dahingehend ein Schritt in die richtige Richtung. Endlich werden für die konkreten Herausforderungen Lösungen gesucht. Doch: Der kostenfreie öffentliche Nahverkehr ist nicht die Antwort. Denn so fahren zwar mehr Fußgänger oder Radfahrer Bahn und Bus, aber nicht die Pendler. Für diese Gruppe ist ein gut ausgebautes Angebot mindestens so wichtig wie der Preis.

Der kostenlose öffentliche Nahverkehr, als eigenständiges Konzept, ist somit kein geeigneter Lösungsansatz für die Probleme der urbanen Mobilität. Wohl aber, als Teil innerhalb eines Konstrukts: Ein Personennahverkehr mit günstigen Jahrestickets und Angeboten (vielleicht mit der Zeit auch kostenfrei), verbunden mit Investitionen in den Netzausbau und einer engen Taktung der Linien.

 

Hero Image Source: Corey Agopian on Unsplash

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