Wir verwenden Cookies, um Ihre Benutzererfahrung zu verbessern. Wenn Sie mit dem Browsen auf unserer Website fortfahren, stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Information. Ok, ich stimme zu.
NEW MOBILITY WORLD @IAA 2019Frankfurt/Main, 10. – 15. September, 2019
New Mobility World DE

ÖPNV nach Wiener Vorbild?

By Editorial Team on July 20, 2018

Der kostenlose ÖPNV in Deutschland: Angesichts schlechter Luftqualität in vielen Städten und einer drohenden Klage seitens der EU ein viel diskutiertes Thema Im Februar. Zu dieser Zeit haben wir uns in einem Artikel bereits mit diesem Modell beschäftigt. Die Quintessenz: Die Idee ist keine Schlechte, endlich kam etwas Bewegung in das Thema öffentlicher Personennahverkehr. Doch die Umsetzung gestaltet sich problematisch.

Die drei Probleme des kostenlosen ÖPNV

Zum einen wäre da die Tatsache, dass viele deutsche und österreichische Nahverkehrsbetriebe in Verbänden organisiert sind. Essen ist zum Beispiel in einem Verbund mit Mühlheim an der Ruhr organisiert; Gelsenkirchen mit Bochum, Berlin mit diversen Betreibern in Brandenburg. Die Verbundspartner können nicht einseitig die Preise streichen – hier ist ein gemeinschaftlicher Ansatz erforderlich.

Ein weiteres Problem ist das Geld. Bereits heute sind vielerorts die Nahverkehrsbetriebe chronisch unterfinanziert. Alte Fahrzeuge, zu wenige in der Zahl, ein zu hohes Fahrgastaufkommen, vor allem in den Großstädten. Der Wegfall von Einnahmen aus dem Ticketverkauf würde dieses Problem nur noch verschlimmern. Der Hamburger Verkehrsverbund erzielt jährlich rund 830 Millionen Euro durch Fahrscheinverkäufe.

Problem Nummer drei waren und sind die Pendler. Der kostenlose ÖPNV würde zwar diverse Fußgänger, Radfahrer und Stadtbewohner in Busse und Bahnen locken, aber nicht die Pendler. Und gerade die Pendler sind diejenigen, die zum Verzicht aufs Auto bewogen werden sollten. Doch wenn sie täglich von außerhalb anreisen bringt ihnen der kostenlose ÖPNV in der Innenstadt nicht viel. Außerorts ist die Taktung immer noch nicht ausreichend, die Flexibilität eines eigenen Autos nicht gegeben.

Weiche Faktoren dürfen nicht ignoriert werden

All diese Probleme können durch den kostenlosen ÖPNV nicht gelöst werden. Generell ist der Preis nicht der entscheidende Faktor. Weiche Faktoren (in etwa Flexibilität und Bequemlichkeit) sind in der Bedeutung mindestens ebenbürtig. Und gerade diese Faktoren verbessern sich nicht bloß durch ein anderes Preiskonzept. Auch unter Beachtung der bestehenden Finanzierungsprobleme des ÖPNV.

Lange Rede kurzer Sinn: Das Modell kostenloser Nahverkehr war innerhalb kürzester Zeit vom Tisch.

Doch angelehnt an die Idee vom kostenlosen ÖPNV haben einige Städte ihre eigenen Konzepte ausgearbeitet – und Erfolgsgeschichten entwickelt. Zwar wird der Nahverkehr in diesen Konzepten selten kostenfrei angeboten, doch auch hier wird an der Preisschraube gedreht. Besonders ein Modell aus Österreich findet in einigen deutschen Städten Anklang.

Wien als Vorbild

Dieses Beispiel ist Wien. In der österreichischen Hauptstadt ist der ÖPNV zwar nicht kostenlos; dafür wurde ein anderes Modell entwickelt: Das Jahresticket für 365 Euro, einen Euro pro Tag. Auf diese Weise wurden die Menschen angeregt, die deutlich günstigeren Jahrestickets zu kaufen – und somit mehr Bus und Bahn zu fahren. Gleichzeitig konnte Wien durch die gestiegene Zahl an verkauften Jahrestickets die Finanzierung beibehalten und sein Nahverkehrsangebot weiterhin attraktiv für Stadtbewohner und Pendler gestalten.

Bonn und Reutlingen könnten diesem Beispiel schon bald folgen. Dort gibt es Pläne, das Jahresticket zu stark reduzierten Bezügen anzubieten: 365 Euro pro Jahr, ein Euro pro Tag. Bonn und Reutlingen waren bereits als Modellstädte für den gescheiterten Versuch kostenloser ÖPNV eingeplant (auch wenn das Experiment nie zustande kam). Bald heißt es vielleicht kostengünstig statt kostenlos.

Investitionen in den öffentlichen Nahverkehr

Allerdings: Auch wenn die Nahverkehrsbetriebe und Kommunen ihren ÖPNV zu stark vergünstigten Bezügen anbieten und sich so die Finanzierung sichern – an Investitionen führt kein Weg vorbei. Und das gleich aus zweierlei Gründen:

1: Überzeugen die günstigen Preise Stadtbewohner und Anwohner wird das Fahrgastvolumen steigen. Gerade in den Großstädten wie Berlin und München sind die Bahnen bereits jetzt schon oft überfüllt. Dazu kommen teilweise veraltete Fahrzeuge und Zugausfälle. Es müsste dementsprechend mehr investiert werden um das zusätzliche Fahrgastaufkommen zu bewältigen und die Taktung enger zu gestalten.

  1. 2: Pendler sowie Anwohner in den Stadträndern oder im Umland würden kaum von einem günstigen Jahresticket für Bus und Bahn profitieren. Sie werden weiterhin mit dem eigenen Auto zur Arbeit pendeln. Der Grund: Das Auto bietet ihnen eine Flexibilität, welche ihnen der ÖPNV derzeit nicht bieten kann. Die Wege zur nächsten Haltestation sind lang, die Wartezeiten teilweise ebenfalls, oft muss noch umgestiegen werden. Um diese Menschen von Bussen und Bahnen zu überzeugen reicht der Preis nicht. Hier gewinnen weiche Faktoren wie der Komfort an Bedeutung. Gerade in Rand- und ländlichen Gebieten muss der Nahverkehr ausgebaut werden, die Netze dichter, die Taktung enger.

Der vergünstigte ÖPNV ist daher ein Schritt in die richtige Richtung, aber nicht des Problems Lösung.

 

Hero Image Source: Maria Molinero on Unsplash

Newsletter

Melden Sie sich hier an, um die aktuellsten NMW-Nachrichten und Branchentrends direkt in Ihrer Inbox zu erhalten.